Wir empfehlen europäische Banken

In Europa ist eine neue Rezession kaum ein Thema. Und doch ist der Risiko-Appetit der Investoren für Aktien gering. Was sind die Gründe?

Gary Baker: Ich sehe zwar keine neue Rezession in Europa, aber der binnenwirtschaftliche Ausblick ist nicht allzu rosig. Das drückt auf die Stimmung. Kommt hinzu, dass das laufende Jahr auch für europäische Aktien schwierig ist. Jeder kleine Aufschwung ist wieder von einem Rückschlag abgelöst worden. Das hat Vertrauen gekostet. Doch letztlich reflektiert das nur, dass die Überwindung der Krise länger dauern wird, vor allem in den USA, aber auch in Europa.

Sind europäische Aktien derzeit teuer?

Nein. Nach allen traditionellen Kriterien sind sie eher fair bewertet oder in manchen Fällen gar billig. Aber sie können für eine lange Zeit so bleiben. Es braucht einen Katalysator, der das ändern könnte. Interessant ist, was sich derzeit an den Bond-Märkten abspielt. Im August sahen wir eine scharfe Reduktion der Renditen und im September eine Gegenbewegung.

Was heisst das?

Die Investoren scheinen doch zu überlegen, ob es sinnvoll ist, noch mehr Mittel zu tiefsten Renditen in Obligationen zu investieren. Das könnte den europäischen Aktien helfen, wo Titel sehr gut geführter Unternehmen mit sicherer Dividende und Wachstumschancen gut 4% rentieren.

Die Bewertungsdifferenz zwischen Anleihen und Aktien ist historisch sehr hoch. Signalisiert das einen Bond-Crash, einen Aktien-Crash oder beides?

Ich sehe das nicht schwarz-weiss. Bei starken Anomalien pendeln sich die Märkte oft wieder ein. Das muss nicht durch einen Crash geschehen, sondern kann auch ein gradueller Prozess sein. Ich denke, dass Investoren mit der Zeit stärker aus den Bond-Märkten abwandern.

Ist es in einem solch schwierigen Umfeld für Anleger besser, Index-Aktien zu kaufen oder auf einen aktiven Fonds-Manager zu setzen?

Trendlose Märkte sind der wirkliche Test für das Assetmanagement. Eigentlich sollte mit einer aktiven Strategie eine bessere Performance relativ zu einer Index-Strategie erzielt werden. Im laufenden Jahr haben allerdings nicht viele Fonds-Manager besser als der Markt abgeschnitten.

Welche Branchen favorisieren Sie derzeit in Europa?

Wir empfehlen immer noch ganz klar Banken, obwohl wir zu früh auf die Finanzbranche gesetzt haben. Wir favorisieren daneben auch Pharmawerte, die wirklich sehr günstig bewertet sind, und haben Telekom und Rohstoffe (einschliesslich Öl und Gas) aufgewertet.

Warum keine Industrien, die sich doch im Export gut schlagen?

Dank schwächerem Euro oder Pfund Sterling können exportorientierte Firmen von der Nachfrage in den Schwellenländern profitieren. Doch wir sind nicht sicher, ob die Aktien wirklich günstig sind.

NZZ am Sonntag, 19.09.2010

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